Der vietnamesische Elektroauto-Hersteller VinFast beendet überraschend weite Teile seiner Aktivitäten in Europa. Die Entscheidung kommt nur wenige Jahre nach dem vielbeachteten Markteintritt und signalisiert, wie anspruchsvoll das Geschäft mit E-Autos auf dem europäischen Kontinent tatsächlich ist. Bereits am 9. Mai 2025 wurden alle Showrooms und Servicezentren in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden geschlossen. Rund 90 Prozent der europäischen Belegschaft wurden entlassen.
Der Rückzug vollzieht sich in einem Marktumfeld, das für neue Hersteller äußerst schwierig ist. Eine Vielzahl etablierter und neuer Anbieter konkurriert um eine begrenzte Zahl an Kundinnen und Kunden inmitten hoher Erwartungen, technischer Standards und komplexer gesetzlicher Vorgaben. Zwar konnte VinFast im Jahr 2024 weltweit knapp 100.000 Fahrzeuge ausliefern, doch das Unternehmen steht weiterhin unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Besonders schwer wiegt der im vergangenen Jahr verbuchte Verlust von rund 3,2 Milliarden US-Dollar.
Vom Hoffnungsträger zum Rückzieher
VinFast wurde 2017 gegründet und galt als eines der ambitioniertesten E-Mobilitätsprojekte Südostasiens. Der Markteintritt in Europa war strategisch wichtig mit Fokus auf Direktvertrieb, lokaler Infrastruktur und technologisch fortschrittlichen Fahrzeugen.
Trotz eines anfänglichen Medienechos gelang der Durchbruch nie wirklich. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen zurück, die Serviceangebote waren oft lückenhaft, und der Markenaufbau gestaltete sich schwieriger als gedacht.
| Zielsetzung | Prognose bis 2024 | Tatsächlicher Stand (2025) |
|---|---|---|
| Anzahl verkaufter Fahrzeuge Europa | 10.000 | ca. 1.200 |
| Auslieferungen weltweit | 50.000 (2023) → Ziel 100.000 | 97.000 Fahrzeuge (2024 erreicht) |
| Service-Center in Europa | > 20 geplant | 7 in Betrieb – werden geschlossen |
| Personalkapazität Europa | über 500 Mitarbeitende | ca. 90 % erhalten Kündigung |
Gründe für den Rückzug – Zahlen, Zölle, Zweifel
Laut einem internen Schreiben, das mehreren Fachportalen vorliegt, nennt VinFast folgende Ursachen für das Aus in Europa:
- ✅ Makroökonomische Unsicherheiten: Inflation, Kaufzurückhaltung und volatile Märkte.
- ✅ Zoll- und Handelshemmnisse: Als Hersteller aus Vietnam unterliegt VinFast im Export nach Europa hohen Abgaben.
- ✅ Währungseffekte und Logistikkosten: Der Transport der Fahrzeuge aus Asien macht die Modelle im Vergleich zur Konkurrenz teurer.
- ✅ Verlustreiche Bilanz 2024: Ein Minus von 3,2 Milliarden US-Dollar zwingt zu drastischen Einschnitten.
Zudem plane der Hersteller, sämtliche Mietverträge in Europa aufzulösen, was die endgültige Schließung von Standorten einleitet. Auch die Strategie des Direktvertriebs soll beendet werden. Stattdessen wolle man künftig, wenn überhaupt, über unabhängige Händler verkaufen, wie Insider berichten.
Modelle und Zukunft – Was kommt, was bleibt?
VinFast hatte bis zuletzt drei Modelle in Europa vorgesehen:
- ✅ den kompakten VF6,
- ✅ das Mittelklasse-SUV VF8,
- ✅ sowie das angekündigte, sportlichere VF7 mit bis zu 450km WLTP-Reichweite.
| Modell | Preis ab (EUR) | Leistung | Status |
|---|---|---|---|
| VF6 | 34.990 € | 130–150 kW | Verfügbar |
| VF8 | 48.490 € | bis 300 kW | Verfügbar |
| VF7 | Noch offen | bis 260 kW | Markteinführung unklar |
Ob und in welchem Umfang das VF7-Modell nach Europa kommen wird, ist aktuell fraglich. Die Umstellung auf indirekten Vertrieb und die Schließung der Infrastruktur stellen eine Rückkehr mittelfristig infrage.
Trotzdem plant das Unternehmen international eine Verdopplung des Absatzes auf über 200.000 Fahrzeuge im Jahr 2025, jedoch mit Fokus auf asiatische Märkte, insbesondere Indien und Indonesien, wo neue Werke entstehen sollen.
Ein Rückzug mit Signalwirkung
VinFast hat in kurzer Zeit viel versucht und noch schneller die Konsequenzen gezogen. Der europäische E-Auto-Markt bleibt ein Terrain mit hohen Eintrittsbarrieren. Für Newcomer ohne tief verwurzelte Service- und Vertriebsstrukturen ist es schwer, langfristig zu bestehen.
Mit dem Rückzug markiert VinFast ein warnendes Beispiel für überambitionierte Expansion ohne stabiles Fundament. Ob es sich um einen endgültigen Abschied oder eine strategische Pause handelt, bleibt offen, ebenso wie die Frage, wie viele Kunden dem Unternehmen trotz allem treu bleiben werden.



